Vorwort
Mit dem hier vorgeschlagenen Modellprojekt wird beabsichtigt, den Unterricht
in den Biowissenschaften an
Gymnasien zu verbessern und kontinuierlich weiterzuentwickeln mit dem Hauptziel,
talentierten Nachwuchs
frühzeitig zu motivieren und zu fördern. Dieses Ziel soll einerseits
durch Öffnung forschungsorientierter Universitätsinstitute für
die Fortbildung gestaltungsfähiger Gymnasiallehrer erreicht werden;
andererseits sol
der experimentelle Charakter der Biowissenschaften im Unterricht an Bedeutung
gewinnen, um bei Schülern
die Fähigkeit zur kritischen Beobachtung und Interpretation von experimentell
herbeigeführten Phänomenen
zu stimulieren.
Eine "institutionalisierte" Durchlässigkeit zwischen Universität
und Gymnasium, wie sie hier angestrebt wird,
würde zu einer Fortentwicklung des Unterrichts auf einem höchst
dynamischen Gebiet der Naturwissenschaf-
ten führen, dessen rasche Erkenntnisgewinne häufig von erheblicher
gesellschaftlicher Relevanz sind.
Nicht zuletzt auch in Anbetracht der häufig problematischen Darstellung
biowissenschaftlicher Themen in den
Medien gewinnen deshalbkurze Wege zwischen Experten an der Universität
und Multiplikatoren an den Gym-
nasien zunehmend an Bedeutung.
Kompetenten und begeisterungsfähigen Gymnasiallehrern kommt eine Schlüsselrolle
zu, stehen sie doch in
der "ersten Linie", wenn es um die Entdeckung und Förderung
von dringend benötigtem naturwissenschaftlich-
en Nachwuchs sowie um aufklärende Interpretationen neuer Forschungsergebnisse
in der Öffentlichkeit geht.
Hieraus erwächst der Universität eine Aufgabe, der in dem hier
vorgeschlagenen Projekt modellhaft Rechnung getragen werden soll.
Projektbeschreibung
Das ZMBH und das Regierungspräsidium Karlsruhe beab-sichtigen im Rahmen
der Initiative Jugend und Wissenschaft (www.ju-wi.net)
eine wissenschaftlichpädagogische Zusammenarbeit mit dem Ziel der nach-
haltigen Stärkung des biowissenschaftlichen Unterrichts an Gymnasien.
Formen und Inhalte dieser Kooper-
ation sind bislang ohne Vorbild in Deutschland, sie besitzt deshalb Modellcharakter.
Folgende Einzelprojekte sind geplant:
1. Fortbildung von Gymnasiallehrern durch (a) Experimental- und Seminarkurse
am ZMBH sowie
(b) Integration in die Forschung und Lehre (Sabbatical)
am ZMBH.
Das Konzept sieht vor, Lehrkräfte für die Dauer von ca. sechs
Monaten in Forschungsgruppen am ZMBH zu
integrieren. Die Kandidaten werden definierte, zeitlich begrenzte Projekte
(vergleichbar einer Diplomarbeit)
bearbeiten, die mit einer Dokumentation abgeschlossen werden.
Darüber hinaus werden sich die Teilnehmer am Programm zusammen mit
den Dozenten des ZMBH am Lehrprogramm des Instituts beteiligen und speziell
an Kandidaten des Lehramts Biologie gerichtete Lehrin-
halte aus der molekularen Biologie konzipieren.
2. Entwicklung neuer experimenteller Konzepte für
den biowissenschaftlichen Schulunterricht
Molekularbiologische Techniken sind in den Bildungsplänen nahezu
aller Bundesländer in Form der von der Kultusministerkonferenz für
die Abiturprüfung (EPA) verabschiedeten nationalen Bildungsstandards
verankert.
Um das Experimentieren in der Schule zu molekularbiologischen Themen zu
fördern, wurde in einer Koopera-
tion zwischen dem ZMBH und dem Regierungspräsidium Karlsruhe eine
Arbeitsgruppe aus Wissenschaftlern
des ZMBH und Lehrern eingerichtet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat,
Experimente aus der modernen Biolo-
gie so zu adaptieren, dass sie in der Schule begleitend zu den theoretischen
Inhalten, die die Bildungspläne
vorgeben, durchführbar sind. Dabei ist eine Reihe von neuartigen
Experimentiereinheiten ("Kits") entstanden, die bereits in verschiedenen
Schulumgebungen erprobt und in normalen Unterrichtssituationen getestet
wurden [1-3].
Die Hauptmerkmale der Kits liegen neben ihrer thematischen Lehrplanrelevanz
auch in ihrer Authentizität:
sie bilden echte wissenschaftliche Arbeit ab und stehen jeweils für
einen Meilenstein in der Entwicklung der Molekularbiologie. Ein wichtiges
Ziel des Projekts ist es, molekularbiologische Experimente für möglichst
viele Schulen verfügbar zu machen. Aus diesem Grund wurden im Bereich
des Regierungspräsidiums Karlsruhe
fünf Stützpunktschulen (www.stuetzpunktschulen.com)
als regionale Zentren benannt, denen im wesentlichen
zwei Aufgaben zukommen:
(a) Kolleginnen und Kollegen von Nachbarschulen eine einführende
Fortbildung anzubieten und sie bei der Etablierung
der Experimente vor Ort zu unterstützen
(b) Kurse für Schülerinnen und Schüler benachbarter Schulen
anzubieten.
Die Stützpunktschulen haben Ende
2004 ihre Arbeit aufgenommen, ihre Aufgaben und Kompetenzen wurden
durch eine Kooperationsvereinbarung
zwischen dem Regierungspräsidium Karlsruhe und den jeweiligen Schuldirektorien
definiert und ratifiziert. Die Belieferung der Schulen mit Verbrauchsmaterialien
zur Durchführ-
ung der Experimente übernimmt
bisher das ZMBH.
Die enge Kooperation zwischen Regierungspräsidium Karlsruhe und dem
ZMBH eröffnet eine wünschens-
werte Kopplung von Schule und Universität durch das Einbringen universitärer
Inhalte und Methoden auf einem schüleradäquaten Niveau. Aus
universitärer Sicht liegt der Vorteil der Kooperation u.a. in einer
Förderung der
Kenntnis- und Interessenbildung für potenzielle zukünftige Studenten
naturwissenschaftlicher Fächer.
Geplante Beiträge der einzelnen Projektteilnehmer ZMBH:
- Bereitstellung von Labor- und Schulungsräumen
- Bereitstellung der Infrastruktur und zentralen Einrichtungen des
Hauses
- Belieferung der Stützpunktschulen mit Materialien zur Durchführung
molekular-
biologischer Experimente
- Wissenschaftliche Beratung der Stützpunktschulen
Regierungspräsidium Karlsruhe
- Koordination und logistische Unterstützung bei der Integration
von Lehrern in den
Wissenschafts- und Lehrbetrieb am ZMBH
- Bereitstellung der Lehrerkapazität zur Bearbeitung der Experimentierkits
in den
Stützpunktschulen
Zeithorizont
Die Kooperation ist zunächst auf 5 Jahre angelegt, mit der Option
der Verlängerung bei
erfolgreichem Abschluss der Entwicklungsphase.
Literatur
[1] Gilbert, P., Lutz, R., Rupp, G. (2004)
Experimente zur Molekularbiologie, Teil 1: Kooperation Forschung - Schule:
Weiterentwicklung des naturwissenschaftlichen Unterrichts
Praxis der Naturwissenschaften, 07/2004
[2] Lutz, R., Gilbert, P., Rupp, G. (2004)
Experimente zur Molekularbiologie, Teil 2: Experimentierkits für
den Biologieunterricht in der Oberstufe:
Der genetische Fingerabdruck - Verwandtschaftsnachweis mit PCR
Praxis der Naturwissenschaften, 09/2004
[3] Lutz, R., Gilbert, P., Rupp, G. (2005)
Experimente zur Molekularbiologie, Teil 3: Experimentierkits für
den Biologieunterricht in der Oberstufe:
Mechanismen der Genregulation nach Jacob-Monod und Horizontaler Gentransfer
zwischen
E. coli Stämmen durch Konjugation.
Praxis der Naturwissenschaften, 01/2005
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